Schülerinnen und Schüler der Musicalklassen 5/6 des Gymnasiums Stolzenau und der S2 der Helen-Keller-Schule begeistern mit zeitlos unterhaltsamem Musical „Ausgetickt? Die Stunde der Uhren“
Im Zeitalter künstlicher Intelligenz wirkt es vielleicht gar nicht mehr so fantastisch, wenn man sich vorstellt, dass all die Siris und Alexas, die unseren Alltag mittlerweile begleiten, ein Eigenleben entwickeln – und damit auch eigene Bedürfnisse und Befindlichkeiten. Dieses Gedankenspiel haben Gerhard A. Meyer und Gerhard Weiler in ihrem Musical Ausgetickt? Die Stunde der Uhren aufgegriffen und auf die Spitze getrieben, das von den Schülerinnen und Schülern der Musicalklassen 5/6 und der S2 der Helen-Keller-Schule am vergangenen Sonntag unter großem Applaus auf die Bühne gebracht wurde. Die Zuschauerinnen und Zuschauer erlebten einen Ausflug in die Welt der Uhren, die davon angetrieben wird, unsere Welt ohne Wenn und Aber am Laufen zu halten. In dieser kalten und unbarmherzigen Welt, in der nur zählt, wer funktioniert und im Takt geht, formiert sich Widerstand. So entspann sich ein spannendes und unterhaltsames Abenteuer, das mit Tiefgang und einem Schuss Gesellschaftskritik aber auch im Nachhinein zum Nachdenken anregte. Nicht zuletzt aufgrund der eingängigen Songs, schmissigen Choreographien und dem spielfreudigen Ensemble verdienten sich die jungen Akteure am Ende zu Recht begeisterten Applaus.
Es ist ein Morgen wie jeder andere: Ein Kind (natürlich: Ceyda Beydüz) sträubt sich gegen das morgendliche Aufstehen, das Radiowecker Elvis (schmissig: Mayla Rohde) und Aufziehwecker Bobby (energisch: Yelyzaveta Kabanova) wie immer in die Wege leiten sollen. Doch weder das Rasseln Bobbys noch fetzige Musik von Elvis oder gar die von ihm übertragenen Nachrichten des Tages, vorgetragen von einem leicht verwirrten Nachrichtensprecher (seriöse Ausstrahlung: Levin Naumann), vermögen es, das Ziel zu erreichen. Vielmehr werden die beiden Wecker mal wieder mit Kissen beworfen und mit einem Schlag auf ihren Kopf ausgestellt. Die Misshandlungen bringen das Fass zum Überlaufen: Bobby und Elvis beschließen, ihren Job hinzuschmeißen und wegzulaufen. Doch so ein Verhalten kommt im von der Superuhr (furchteinflößend: Louisa Hartwright) regierten Uhrenland nicht in Frage. Wer hier nicht wie vorgesehen funktioniert und arbeitet, wird entweder von den beiden Technikern Öli und Schrauber (mitreißend: Lilly Polacek und Karlin Knust) repariert oder gnadenlos entsorgt, wie die Taschenuhr (bemitleidenswert: Leon Koca) leidvoll erfahren muss. Kaum erfährt die Superuhr also von der Flucht der beiden Wecker, setzt sie ihre Spürhunde, die Küchenuhr (rührig: Nessa Gawehn), die Daltonuhr (mit bemerkenswertem Eigensinn: Nando Degener), die Staubuhr (fleißig: Lina Horstmann), die Schachuhr (immer unter Strom: Aenna Lillesol Anschütz) und die Eieruhr (herzerwärmend: Charlotte Peters) an, um sie aufzuspüren. Schon bald sucht das gesamte Uhrenland nach den beiden „Verbrechern“, die wiederum Unterschlupf bei der uralten Sonnenuhr (bedächtig: Oleksandra Melnychuk) und der ebenfalls nach eigenem Takt laufenden Sanduhr (Ruhe vermittelnd: Melina Schiffner) finden, die als Einzige nicht unter dem Taktstock der Superuhr laufen. Gemeinsam tüfteln sie einen Plan aus, wie die eiserne Regentschaft der Superuhr gebrochen werden kann. Hilfe können sie dabei von der neuen Sekretärin der Superuhr erwarten, Rita Rolex (glamourös: Helin Ayo), die als Undercover-Agentin von der Sonnenuhr eingeschleust wurde. Sie müssen gemeinsam eine mythische Uhr finden und befreien, um mit ihrer Magie die Verhältnisse umzukehren: Die Spieluhr (zauberhaft: Sophie Leiker) soll diese Fähigkeit haben. Doch ehe Bobby und Elvis die Chance haben, dies zu tun, laufen sie der alten Schlossuhr (adeliges Auftreten: Alina Friesen), der Kuckucksuhr (herrlich schräg: Emelie Kebernik), der Bad-Uhr (ein Hingucker: Julian Müller), der Stechuhr (bestechend: Enrico Meyer), der Standuhr (mit großem Taktgefühl: Lara Walmann), der Handyuhr (erhellend: Ben-Levin Busse) und der besoffenen Uhr (komödiantisch auf den Punkt: Robert Kalinin) in die Arme. Ihr Schicksal scheint besiegelt. Daran kann auch die nebenbei aufkeimende Romanze zwischen der roten Armbanduhr (bezaubernd: Meina Degener) und der stählernen Taucheruhr (beeindruckend: Yurii Chaus) nichts ändern. Die Zeit scheint abgelaufen, wie auch die immer wieder kommentierend auftauchende Stoppuhr (rhythmisch: Louisa Karrasch) nahelegt…
Unter der ideenreichen und frischen Regie von Elisabeth Lathwesen und Willem-Alexander Rode begeisterten die jungen Darstellerinnen und Darsteller mit spielerischer Freude und viel Ausdrucksvermögen das Publikum. Sie wussten zu jeder Zeit mit ihren sängerischen und darstellerischen Fähigkeiten zu beeindrucken. Die eingängigen und anspruchsvollen Lieder waren von den Musiklehrern Raphael Munk, Anna Baalmann und Christiane Sprick einstudiert worden. Stimmgewaltig wurden die Solisten vom Chor, bestehend aus der Musicalklasse 5b des Gymnasiums Stolzenau und der S2 der Helen-Keller-Schule, unterstützt. Die Schülerinnen und Schüler der Musicalklasse 6b wiederum glänzten nicht nur schauspielerisch und sängerisch mit Solopartien auf der Bühne, sondern überzeugten auch mit stimmungsvollen Choreographien. Die Band, bestehend aus Mathias Goedecke (Klavier), Merle Raake (Querflöte), Maja Graue (Saxophon), Heinrich Graf und Ferdinand Grafe (Trompete), Theresa Bredthauer (Schlagzeug) und Leon Schindler (Percussion) begleitete den Gesang professionell. Währenddessen hatten die engagierten Mitglieder der Technik-AG des Gymnasiums (Leitung: Christoph Bremer und Christiane Sprick) alle Hände voll zu tun, um mit Licht- und Tontechnik die richtige Atmosphäre zu schaffen und die Sing- und Sprechstimmen zu verstärken, was ihnen mit Finesse und vielfältigen Effekten hervorragend gelang.
Das kurzweilige Stück wirkte letztlich auch durch die wunderschöne Dekoration, die unter anderem die S2 der Helen-Keller-Schule unter der Leitung von Simone Bollhorst, Silke Corus und Madlen Behnke kongenial angefertigt hat. Die Kooperation der beiden Schulen beim alljährlichen Musical-Projekt bleibt ein verlässlicher und fruchtbarer Baustein gelebter Inklusion. Nicht zuletzt gebührt dem Förderverein des Gymnasiums Stolzenau wie immer großer Dank, weil sich ohne dessen finanzielle Unterstützung Projekte dieser Größenordnung nicht realisieren ließen.
Im Mittelpunkt standen aber natürlich die beeindruckenden Leistungen der Schülerinnen und Schüler des Gymnasiums Stolzenau und der Helen-Keller-Schule. Dass diese auch außerhalb der Bühne gefördert wurden, ist besonders schön. Denn auch die Arbeit an den beeindruckenden Plakatentwürfen unter der Leitung von Elena Brümmer, die in einer Galerie zu bewundern waren, war ein wichtiger Baustein zum Gelingen. Auch wenn einer solchen Inszenierung viele Stunden harter Arbeit aller Beteiligten vorausgehen, ist eine gelungene Aufführung wie diese doch die schönste Belohnung. Alle beteiligten Schülerinnen und Schüler können zudem davon profitieren, hier auf einzigartige Weise gemeinsam lernen zu dürfen und über sich selbst hinauszuwachsen.




